INTERSKI OPENING CEREMONY 17 MARCH 2019

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Snowboarden im Vorschulalter – Mythen und Möglichkeiten

„Für den Snowboardunterricht müssen Kinder mindestens acht Jahre alt sein. Jüngeren ist es nicht möglich das Board zu handeln und es gibt auch keine Snowboards für Dreijährige. Außerdem sollten die Kinder zuerst das Skifahren erlernen und dann das Snowboarden…“

Aussagen wie diese haben in der Vergangenheit leider die allgemeine Meinung über das Kindersnow- boarden bestimmt. Erfahrungen aus der Snowboardpraxis haben gezeigt, dass sich in den Köpfen vieler engagierter Eltern bedauerlicherweise auch der Gedanke festgesetzt hat, vor Beginn einer Snowboard-Karriere müsse erst einmal ein Skikurs stehen. Jedoch ist es an der Zeit umzudenken!

Eine allgemeingültige Aussage über das ideale „Anfängeralter“ für Snowboarder zu treffen, gestaltet sich nicht einfach. Es hilft sich die Frage zu stellen, was ein Kind sportmotorisch bereits können sollte, bevor es einen Snowboardkurs besucht. Darüber hinaus sollte man das allgemeine Anforderungspro- fil des Snowboardens berücksichtigen, welches sehr vielseitig ist. Neben konditionellen Aspekten wie Kraft und Ausdauer sind koordinative Fähigkeiten und eine ökonomisch ausgebildete Technik entscheidende Komponenten um die übergeordneten Ziele umsetzen zu können. Als übergeordnete Ziele gelten insbesondere die Regulation von Gleichgewicht und die Kontrolle von Tempo und Rich- tung.

Diese Ziele versucht der Snowboarder in der sich ständig ändernden Situation (Gelände, Schnee, Wetter, Motivation, etc.) durch die Anpassung der Bewegungsspielräume (Timing, Umfang, Richtung und Intensität) in den Hauptbewegungen (Kantbewegungen, Körperschwerpunktverlagerungen und Drehbewegungen) zu erreichen. Initiiert werden die wichtigsten Bewegungsmerkmale des Snow- boardens, wie auf dem flach gestellten Brett gleiten, Anhalten und Bremsen sowie das Kurvenfahren, aus den Beinen über ein Zusammenspiel vom Fuß-über das Knie- bis zum Hüftgelenk (Kaffenberger, Baier & Gramsch, 2013). Für eine funktionelle Kontrolle ist es hierbei wichtig, dass der Oberkörper als stabilisierende Masse agiert und eine gewisse Spannung in Rumpf- und Bauchmuskulatur ge- halten werden kann. Daher kann die hauptsächlich beanspruchte Muskulatur vor allem auf die Beine und den Rumpf eingeschränkt werden. Die Arme hängen meist entspannt am Körper runter und greifen nur regulativ ins Geschehen ein. Somit können die wichtigsten motorischen Voraussetzungen für Kinder im Vorschulalter von drei bis sechs Jahren, um an einem (Anfänger-) Snowboardkurs teilzunehmen, wie folgt zusammengefasst werden:

  • Gleichgewicht und Koordination
  • Dynamische Kraftausdauer der unteren Extremität (Beugen und Strecken der Beine)
  • Statische Kraftausdauer der Rumpf- und Bauchmuskulatur

Aus anthropologischer Sicht gleichen die körperbaulichen Merkmale von Kindern im Vorschulalter mehr und mehr denen von einem Erwachsenen, wodurch verbesserte Hebelverhältnisse allmählich zu einer optimaleren Kraftübertragung der Muskulatur, über Sehnen- und Bandapparate, auf die Gelenkstrukturen führt (Kornexl, 2005). Somit sind die Grundvoraussetzungen für den Snowboardein- stieg bereits gegeben. Besonderheiten bezogen auf Koordination, Kondition, Psyche, Emotion und Kognition lassen sich jedoch nicht von der Hand weisen und so sind spezielle Konsequenzen bezi- ehungsweise fachdidaktische Konzepte für die Praxis vonnöten:

  1. Situationen schaffen, in denen die vier unterschiedlichen Bedeutungen von Bewegung nach Gruppe (1976) erfahren werden können
  2. reichlich Gelegenheit geben zum Explorieren und Erkunden der Bewegung
  3. implizites Lernen, also unbewusst spielerisch fördern
  4. verschiedenartige Körper-, Material- und Geräteerfahrungen über Spiel und Bewegung er-möglichen
  5. immer wieder Partner- und Gruppenarbeitsaufgaben stellen
  6. keine starren, für alle verbindlichen Leistungsnormen vorgeben
  7. Integrationsfördernde Aufgaben stellen

Umsetzungsansätze finden sich heutzutage schon im kommerziellen und schulischen Bereich, sowie im Vereinswesen. So haben verschiedene Snowboardmarken Tools zum Ziehen von Kindersnow- boards entwickelt und verschiedene Touren zur Förderung des Snowboardsports ins Leben gerufen, bei der auf und neben dem Schnee erste kindgerechte Schritte auf dem Snowboard geprobt werden können. Memmert, Kaffenberger & Weirether haben mit der Schneeschule (2014) eine umfangreiche Übungssammlung zum Thema saisonal übergreifender Grundlagen-ausbildung für den Wintersport herausgebracht, welche sich ideal eignet um im Schulsport auf einen Wintersportschulaufenthalt vor- zubereiten. Für die Skischulleiter im Allgemeinen und die Snowboardlehrer im Besonderen hat IN- TERSKI DEUTSCHLAND in diesem Jahr ein neues Heft verschriftlicht, was sich exklusiv mit dem Thema Snowboarden im Vorschulalter auseinandersetzt und neben wichtigen Hintergrundinformatio- nen auch eine angepasste Methodik für den Lehrer am Hang bereithält.

Für diejenigen, die ihre ersten Schritte direkt auf dem Snowboard getätigt haben und de- mentsprechend schon solide Grundlagen erarbeitet haben, bieten Förderprogramme in verschie- denen Standorten ein tolles Angebot ab 6 Jahren. Diese Förderprogramme treffen sich den ganzen Winter über einmal wöchentlich unter professioneller Leitung zum gemeinsamen Snowboarden. So wird eine Bindung an den Sport ohne kommerzielle Dienstleister und als Alternative zum klassischen Ski-Club eröffnet.

Alle diese Konzepte finden in der Praxis sehr positive Resonanz und werden künftig sicherlich aus- gebaut werden. Die Hoffnung steigt damit, dass Aussagen wie zu Beginn immer weniger werden und Kinder, unabhängig von fehlerhaften Vorinformation, frei wählen können, ob sie lieber Ski fahren oder von Beginn an Snowboarden wollen.

Referent: Stefan Stark, Allgäu, Germany Snowboard